Die Zerbrechlichkeit der Dinge
Nachdenkliches von Pastor Thomas Ziaja
Als ich das hier schreibe, ist noch nichts von all dem geschehen, aber ich stelle mir vor, wie es sein wird. Ich denke an den 23. Februar, der kommen wird, wenn ich schreibe, und gewesen sein wird, wenn jemand das hier liest.
Ich gehe durch den Wintermatsch. Die Luft ist kühl, riecht nach Feuchtigkeit und vergangenen Tagen. Auf dem Boden, direkt vor meiner Fußspitze, sehe ich sie: ein Stück Blau und Weiß. Fast hätte ich sie in den Schlamm getreten – eine Scherbe, deren Blättermuster sich durch den Bruch verzogen hat. Ich bleibe stehen, hebe sie auf. Sie liegt kalt in meiner Hand, ihre Kanten zackig vom Bruch. Was war sie einmal? Eine Tasse, aus der jemand seinen Tee getrunken hat, warm und wohltuend? Eine Schüssel, die dampfend auf dem Tisch stand, eine Familie und Freunde darum, voller Freude auf Klöße? Die Scherbe gehört zu einem Alltagsgegenstand, einem Stück Leben, das nun zerbrochen am Wegrand liegt.
Ich schließe die Finger um die Scherbe, spüre ihre glatte, unvollkommene Oberfläche. Die Wahl liegt hinter mir, eben habe ich meine Stimme abgegeben und bin auf dem Heimweg. Ich erinnere mich an das Gefühl im Wahllokal, die Unsicherheit beim Ankreuzen, die Last der Entscheidung.
So viel steht auf dem Spiel. Ich denke an die Menschen, die einander anlächeln, eine Tür aufhalten, ein warmes Wort schenken. An die Momente, in denen jemand entscheidet, zuzuhören, anstatt zu verurteilen. Doch all das droht zu kippen und zu verschwinden. Laute, harsche Worte, ein Moment der Gleichgültigkeit, ein verweigerter Blick – und plötzlich gibt es keine Offenheit mehr, keine Gemeinschaft, keine Liebe.
Unser Zusammenleben ist eine feine Porzellantasse, aus der täglich getrunken wird. Ein falscher Griff, ein unachtsamer Moment und ein Stück bricht heraus. Vielleicht bleibt sie noch nutzbar, vielleicht nicht. Vielleicht lässt sich der Bruch kitten, vielleicht auch nicht. Ich frage mich, wie viele kleine Risse es braucht, bevor sie in sich zusammenfällt. Werte sind nicht aus Stein gemeißelt, sie ruhen in unseren Händen, gefährdet durch Unachtsamkeit, Gleichgültigkeit.
Ich stecke die Scherbe in meine Jackentasche und gehe weiter. Ich trage sie nach Hause mit all den Gedanken über diese Welt und meine Entscheidungen in ihr. Auf dem Weg denke ich weiter an all die irdenen Gefäße und ihre Zerbrechlichkeit. Paulus hat einmal gesagt: „Wir haben aber diesen Schatz in irdenen Gefäßen“ (2. Korinther 4,7). Diese Welt ist ein zerbrechliches Gefäß, mir als Geschenk geliehen. Sie ist mehr als ein Alltagsgegenstand. Sie ist ein Schatz.
Zu Hause lege ich die Scherbe auf meinen Schreibtisch. Seit dem 23. Februar liegt sie dort, ein stilles Zeichen, eine Mahnung. An dunklen Tagen erinnert sie mich daran, wie schnell Vertrauen bricht, wie leicht Errungenes verloren geht. An hellen Tagen zeigt sie mir, dass selbst das Zerbrochene Bestand hat, eine Geschichte erzählt, Würde trägt. Die Scherbe wird Teil meines Alltags, ein Fragment, das mich begleitet.
Jeden Tag sehe ich sie und weiß: Zerbrechlichkeit ist keine Schwäche, sondern eine Aufforderung zur Achtsamkeit. Diese Welt ist mir als Schatz anvertraut, in keinem Moment selbstverständlich. Die Scherbe, die vor mir liegt, warnt mich davor, diese Welt in Scherben liegen zu sehen.
Die Scherbe behalte ich, weil ich mehr heilen als zerschlagen will.
