Unter Gottes Regenbogen
Nachdenkliches von Pastor Thomas Ziaja
Ich stehe an einer Straßenecke, irgendwo mitten in der Stadt. Eine Demonstration zieht vorbei. Bunte Plakate, rhythmische Rufe, entschlossene Gesichter. Manche schweigen, andere singen. Viele wirken ernst, einige lachen. Mittendrin eine Regenbogenflagge. Sie ist nicht das Thema der Demo, sie zieht einfach mit, flattert über der Menge, tanzt im Wind. Sie leuchtet selbst an diesem grauen Tag und mich machen die Farben ein bisschen glücklicher.
Neben mir bleibt ein Mann stehen. Er schaut kurz hin, dann sagt er halblaut: „Mit diesen Regenbogenflaggen kann ich nichts anfangen.“ Ich antworte nicht. Ich weiß nicht recht, was ich sagen soll. Ich denke nur: „Schade.“ Denn ich kann etwas anfangen mit diesem bunten Tuch.
Ich bin ein Mann, verheiratet mit einer Frau, Vater, Gemeindepastor. Mein Leben entspricht dem, was viele als „normal“ empfinden. Ich habe nie erleben müssen, dass jemand meine Liebe in Frage stellt oder mir das Recht abspricht, so zu leben. Ich musste nie dafür kämpfen, dass meine Partnerschaft akzeptiert wird.
Aber ich kenne Menschen, denen es anders geht. Ich kenne Jugendliche, die sich erst mit zitternder Stimme outen, weil sie nicht wissen, wie ihr Umfeld reagieren wird. Ich kenne Erwachsene, die gelernt haben, ihre Liebe zu verstecken, aus Angst vor Spott, Ablehnung, Gewalt. Ich habe erlebt, wie sich Menschen dafür bedanken, dass sie im Gottesdienst einfach mitgemeint sind.
Darum kann ich sehr wohl etwas anfangen mit der Regenbogenflagge. Denn ich sehe: Sie ist nicht nur ein Zeichen für eine bestimmte Gruppe. Sie ist ein Zeichen für Würde, Vielfalt und Freiheit. Sie steht für die Hoffnung, dass niemand ausgeschlossen wird, nur weil er oder sie anders ist. Und dafür, dass Liebe – egal in welcher Form – ein Grundrecht ist, niemals ein Privileg.
Wenn Menschen für die Rechte von Minderheiten auf die Straße gehen, dann tun sie das nicht nur für sich. Sie tun das auch für mich. Denn in einer Gesellschaft, in der die Rechte der einen gewahrt bleiben, während die der anderen mit Füßen getreten werden, ist niemand wirklich sicher. Freiheit ist nicht teilbar. Rechte gelten entweder für alle oder sie sind bedroht für jeden.
Vielleicht denke ich das, weil ich ein anderes Regenbogenbild in mir trage, das nicht bedrohlich für meine Privilegien wirkt. Die biblische Geschichte von Noah und der Arche. Nach der Sintflut, nach allem, was zerstört, getrennt und vernichtet hat, spannt Gott seinen Bogen in den Himmel. „Ich will die Erde erhalten. Ich will mit den Menschen leben, nicht gegen sie.“
Und dieser Bogen, so erzählt es die Bibel, steht nicht über uns als Urteil, sondern als
Einladung. Er überspannt die ganze Welt, ohne zu sortieren, ohne zu trennen. Er sagt nicht: „Du bist richtig, du bist falsch.“ Er sagt: „Hier ist Platz für euch alle. Für die Lauten und die Leisen, für die Liebenden und Suchenden, für die, die dazugehören, und die, die immer wieder draußen stehen. Für dich. Für mich.“
Gottes Regenbogen lässt sich nicht vereinnahmen. Er steht nicht für eine Meinung oder Haltung, sondern für eine Hoffnung, die größer ist als wir. Wir leben alle unter einem weiten Himmel, den wir uns nicht gegenseitig verstellen dürfen.
Der Regenbogen ist kein Statement gegen jemanden, sondern ein Zeichen für ein größeres Miteinander. Er ist ein Symbol dafür, dass ich Platz mache für die, die anders sind als ich.
Wenn du das nächste Mal eine Regenbogenflagge siehst, auf einer Demo, am Fenster, am Rucksack eines Jugendlichen, dann bleib einen Moment stehen. Lass dich nicht gleich in Abwehr oder Zustimmung treiben. Schau hin, auf die Farben, auf die Weite des Bogens und freu dich. Denn du stehst unter dem Regenbogen und alle anderen auch.
