Blickrichtungen
Nachdenkliches von Pastor Thomas Ziaja
Im Sommer gab es zwei Nächte, in denen der Himmel über Oberneuland etwas Besonderes zu erzählen hatte. Am Tag die Sonnenfinsternis, die die Welt in ein seltsames Zwielicht tauchte. In der folgenden Nacht die Sternschnuppen. Ich habe mir beides angeschaut, die Sonne durch die Schutzbrille, die Sterne ohne, in meiner Hängematte liegend. Ich weiß nicht, wie viele Sternschnuppen ich gesehen habe. Ich lag da, die Augen in den Himmel gerichtet und habe den Sternschnuppen meine Träume hinterhergeschickt.
Es gibt Zeiten, da schaue ich nach oben, weil mich etwas am Himmel in seinen Bann zieht. Und es gibt Zeiten, da gelingt mir das einfach nicht. Da kann über mir los sein, was will, ich bekomme den Kopf nicht hoch. Mein Blick bleibt an der Erde hängen.
Im Tempel, sagt Jesus, stehen zwei Männer. Der eine steht vorne, laut in seinem stillen Gebet: „Ich danke dir, dass ich nicht bin wie die anderen.“ Der andere steht weit hinten. Er hebt den Kopf nicht, traut sich nicht einmal, es zu versuchen. Nicht, weil er besonders demütig sein will. Vielleicht kann er einfach gerade nicht anders. Er bleibt unten, den Blick auf den Boden gerichtet, die Faust an der eigenen Brust. Vielleicht ist es gerade das, was ihn mir nahebringt.
Der Kopf hängt und der Blick bohrt sich in den Boden. Wie soll ein Mensch den Kopf wieder heben, wenn er es nicht gelernt hat und ihm die Kraft dazu fehlt? Ich kann das gut verstehen, auch dann, wenn ich gerade in der Hängematte den Sternschnuppen zuschaue.
Es gibt Menschen, die nie lernen durften, nach oben zu schauen. Die klein geblieben sind, weil andere sie klein gemacht haben, in der Schule, in der Ehe, im Job.
Und wenn dann eine Stimme laut genug ruft, wenden sie sich ihr zu. Endlich jemand, der mich sieht. Endlich jemand, der mir etwas zutraut. Ob diese Stimme ihnen wirklich guttut, ist in diesem Moment vielleicht gar nicht die entscheidende Frage. Hauptsache, sie verspricht einen Weg heraus aus der Verkrümmung. Manchmal ist es gerade deshalb eine verführerische Stimme. Sie richtet einen Menschen für einen Augenblick auf und macht ihn am Ende noch abhängiger und kleiner.
Der Mensch in der Geschichte hat einen anderen Impuls in sich. Keiner muss ihm sagen, was er zu tun hat. Er weiß nur: Da ist Gott. Er weiß, dass er nichts vorzuweisen hat. Nicht verdient, nicht erarbeitet, nicht durch Fasten und Zehnten erworben wie der andere vorne. Er hat nur diesen einen Satz: „Gott, sei mir gnädig.“ Mehr hat er nicht. Aber mehr verlangt Jesus in dieser Geschichte auch nicht von ihm. Über Oberneuland fallen Sternschnuppen. Für einen Augenblick ziehen sie leuchtend über den Himmel und malen einen zärtlichen Streifen ins Dunkelblau der Nacht.
Sie rufen nicht so laut, dass du sie hören musst. Sie ziehen vorbei, ob du es merkst oder nicht. Wer den Kopf nicht heben kann, sieht sie vielleicht nicht. Aber sie fallen trotzdem. Die Sternschnuppen fallen über jedem gesenkten Kopf. Die ganze Nacht. Unter dem weiten Himmelszelt. Die Verheißung fällt, ob du hinsiehst oder nicht. Du musst die Augen nicht sofort heben. Das kommt später. Und irgendwann hebst du den Kopf. Nicht, weil dich jemand dazu gezwungen hat. Nicht, weil du dich endlich zusammengerissen hast. Vielleicht einfach, weil du merkst: Über mir ist der Himmel offen.
