Nicht festhalten
Nachdenkliches von Pastor Thomas Ziaja
Ein Berg Kinderkleidung türmt sich vor mir. Meine Töchter haben ausgemistet, und jetzt liegt alles auf dem Boden. Zu kurze Hosen, T-Shirts mit Motiven, die mal heiß geliebt wurden und heute nur noch peinlich sind, Jacken, die eben noch passten.
Die beiden sind gnadenlos und ich stehe daneben und schaue auf den Berg. Da liegt dieses Band-Shirt, das die Kleine mal geliebt hatte. Jetzt will sie nichts mehr davon wissen. „Papa, das kommt weg“, sagt sie und reißt mich aus meinen Gedanken. Sie hat recht. Natürlich hat sie recht. Ich greife nach einem Pullover, lasse ihn durch meine Finger gleiten und sage: „Den heben wir auf.“ Die Große rollt mit den Augen. „Den wird niemand mehr anziehen.“ Stimmt! Der wandert später in die Erinnerungskiste.
Warum fällt mir das Loslassen manchmal so schwer? Die Klamotten sind zu klein. Aber sie sind auch Erinnerungen an Zeiten, die vorbei sind. Und wenn ich sie wegwerfe, habe ich das Gefühl, dass ich diese Zeiten mit wegwerfe.
Es sind nur Sachen. Was sie mal waren, Alltagsgegenstände, getragen, gewaschen, wieder getragen, das sind sie nicht mehr. Sie sind jetzt Erinnerungsstücke. Dafür braucht es keinen ganzen Berg, sondern nur ein paar wenige Dinge, die ich aufhebe.
Die Masse muss weg, damit das, was bleibt, ein neues Leben findet. Aus der Alltagsmenge wird ein kleiner Schatz geborgen.
Die Ostergeschichte erzählt genau das in einer winzigen Szene. Maria steht am Grab, Jesus ist auferstanden, sie erkennt ihn. Sie will ihn festhalten, berühren, umarmen. Endlich ist er wieder da. Aber Jesus sagt: „Halte mich nicht fest!“ (Johannes 20,17)
Das muss brutal gewesen sein. Sie hatte ihn verloren, getrauert, verzweifelt. Und jetzt ist er wieder da, aber sie darf ihn nicht festhalten. Jesus sagt ihr: „Lass los. Ich muss weitergehen.“
Loslassen heißt freigeben. Maria konnte Jesus nicht festhalten, wie er war. Er musste weitergehen, verwandelt, anders. Jesus war einfach nicht mehr derselbe, den Maria kannte. Der Auferstandene ist ganz anders. Er sieht aus wie der Jesus von damals und gleichzeitig ist er es auch nicht.
Die Kindersachen sind weg. Die meisten Sachen sind im Container. Einige werden abgeholt und hoffentlich trägt sie noch mal jemand. Irgendwo wird vielleicht ein anderes Kind diese Jacke tragen, dieses Band-Shirt zum Heiligtum erklären. Die Sachen bekommen ein neues Leben. Und das ist gut so.
Was in der Kiste bleibt, hat auch ein neues Leben. Es wird nicht mehr getragen, nicht mehr gewaschen, nicht mehr benutzt. Aber es wird aufgehoben, als Erinnerung, als Schatz, als etwas, das ich aufhebe, weil ich es schon losgelassen habe. Es hat sich verwandelt.
Loslassen tut weh. Aber Festhalten tut mehr weh, weil Festhalten tot macht, was lebendig bleiben soll. Die Kinder wachsen weiter, auch ohne das alte Shirt, hinein in neue Pullover, bereit für coolere Jacken.
Ich lerne loszulassen, Tag für Tag und Jahr für Jahr. Ich lasse los, damit das, was bleibt, atmen kann und das Neue Platz hat. Ich lasse los, damit die Erinnerung nicht zur Last wird, sondern zum Schatz.
Am Ende werde ich einmal loslassen müssen, wie Jesus alles losgelassen hat. Und dann glaube ich, dass loslassen nicht verlieren heißt. Es heißt freigeben und auferstehen zu einem neuen Leben. Und vielleicht ist das Schwerste daran, dass es so richtig ist, weil es sein muss.
