Niemand da
Nachdenkliches von Pastor Thomas Ziaja
Ich packe meinen Koffer. Diesen Urlaub habe ich mir redlich verdient. Das letzte halbe Jahr steckt mir in den Knochen. Da waren die vielen Konfis und plötzlich sind da wieder Neue, ein kleiner Abschied, ein großes Fest und dann neue Gesichter. Im Juni ist so viel zu tun, damit die Ferienzeit beginnen kann. Dass wir eine halbe Pfarrstelle weniger haben, merken wir alle in der Gemeinde. Manche Sachen passieren auf den letzten Drücker, für andere ist gar keine Zeit mehr.
Die Gedanken gehen mir durch den Kopf beim Kofferpacken. Jetzt bin ich dran! Einfach mal Zeit für das, was ich tun will. Keiner sonst bestimmt über meine Zeit.
Oberneuland ist beinahe ausgestorben, schon gleich am ersten Ferientag. Es fahren weniger auf den Straßen. Auf dem Schulhof tobt kein Kind herum, die Schlange bei Eis Molin wird kürzer.
Wer in Oberneuland wohnt, ist woanders. Die allermeisten sind weg.
Ich beobachte das seit vielen Jahren. Im Sommer muss man hier keine großen Angebote fahren. Gespannt werde ich nach den Ferien hören, wohin die Reisen gingen. Neben den üblichen Verdächtigen wie Holland, Dänemark, Italien oder Langeoog, stehen weit, weit entfernte Ziele.
Wer zu Hause bleibt, druckst ein wenig rum. Irgendwie steckt in der Ruhe dieser Zeit auch ein gewisser Wettbewerb. Man muss sich das Ausruhen verdienen, und dann muss man es auch noch so ausbauen, dass es selbst wieder zum Projekt wird.
Genau da sitzt der Haken, und er steckt in meinem eigenen Koffer. „Redlich verdient“, sage ich mir vor dem Urlaub. Ich habe mir meine Ruhe erarbeitet und will sie abholen, wie mir mein Einkommen überwiesen wird. Danach bin ich wieder voll da, aufgeladen, bereit für die nächste Runde. Ich erhole mich, damit ich weiter funktioniere. Ich tausche die Arbeitskleidung gegen die Badehose. Es fühlt sich neu an, aber nur für ein paar Tage. Dann sitzt im Liegestuhl derselbe Mensch wie am Schreibtisch.
Ruhe. Die Bibel hat sich das anders gedacht. Ganz am Anfang, als Gott die Welt macht, wird unermüdlich geschuftet und am siebten Tag wird ausgeruht. Aber Gott ruht sich nicht aus, um dann am achten Tag wieder voll durchzustarten. Gott ruht, weil das Werk gut ist. „Und Gott segnete den siebenten Tag und heiligte ihn.“ (1. Mose 2,3) Die Ruhe wird geheiligt, sie wird abgetrennt von den Regeln des Alltags. Heilige Zeit ist etwas ganz anderes als die Routine und die Arbeit.
Die Ruhe steht für sich. Sie ist gut, einfach so.
Jesus spitzt den Gedanken später noch einmal zu. „Der Sabbat ist um des Menschen willen gemacht, nicht der Mensch um des Sabbats willen.“ (Markus 2,27) Der ganze Wettbewerb fällt so in sich zusammen. Es geht nicht um Sylt, Dubai, Langeoog, Hongkong oder um den Balkon in
Oberneuland. Die Zeit ist heilig und das Ziel völlig egal. Der gesegnete Tag findet auch im leeren Stadtteil statt, hinter heruntergelassenen Rollläden, mit einem Buch und einer Tasse Kaffee, die kalt wird, weil ich vergessen habe, dass ich Pläne hatte.
Mein Koffer steht noch halb gepackt im Flur. Ich fahre in Urlaub und freue mich darauf. Nur der Satz davor hat sich verändert. Ich fahre nicht mehr, weil ich es verdient habe. Ich fahre, weil es mir geschenkt ist. Im Liegestuhl liegt neben mir nicht mehr die Last, alles richtig gemacht zu haben. Meine Leistung, mein Ärger, mein Frust und meine Hetze bleiben neben dem Koffer liegen.
Sie haben sich keine Reise verdient. Ich habe eine Zeit geschenkt bekommen, weil es gut ist, wie es ist.
Gott hat am siebten Tag aufgehört, zufrieden mit dem was war. So möchte ich in den Sommer gehen, statt ausgelaugt beschenkt. Und wenn der September kommt und einer fragt: „Und, wo wart ihr?“, dann lautet die Antwort: „Egal. Es war sehr gut.“
