Barfuß
Nachdenkliches von Pastor Thomas Ziaja
Mitten in der Nacht gehe ich ins Kinderzimmer und schaue, ob die Kleinen schlafen. Ich schleiche mich langsam ans Bett heran und dann jagt ein höllischer Schmerz durch meinen Fuß. Ein spitzer, kleiner, hinterhältiger Lego-Stein bohrt sich in meine Fußsohle. Ich presse die Lippen aufeinander und die beiden bleiben tief im Traumland.
Ich bin ein passionierter Barfußläufer. Das ganze Jahr über, in allen Lagen und in jeder Jahreszeit. Zu Hause sowieso, aber auch draußen, im Garten, auf dem Weg zur Mülltonne, manchmal sogar auf der Straße, im Winter, bei Regen, auf dem Asphalt.
Ich mag es, den Boden unter meinen Füßen zu spüren. Dann weiß ich, wo ich stehe. Schuhe sind gut, aber sie trennen mich immer ein paar Millimeter davon, die Welt um mich herum mit eigenen Füßen zu spüren.
Diese Leidenschaft bezahle ich dann ab und zu mit Schmerzen durch Kiesel- und Legosteine. Scherben sind nicht ungefährlich, kommen aber weit seltener vor als besorgte Eltern manchmal meinen. Als Kind gab es ein paar Jahre, in denen ich in Folge in eine Wespe getreten bin. Das war die härteste Prüfung und irgendwann, habe ich Badelatschen auf der Freibadwiese akzeptiert; bis heute widerwillig. Barfuß sein heißt verletzlich sein. Es gibt keinen Schutz, keine Sohle, die abfedert, nur die nackte Haut und der Boden.
Wer sich gegen jeden Schmerz schützt und jede Verletzung vermeiden will, spürt nichts mehr. Dicke Sohlen verhindern das Kitzeln von Gras und die Härte von Asphalt gleichermaßen. Wer sich abschottet, bleibt unversehrt, aber auch taub. Dabei brauchen wir alle Verletzlichkeit. Das gilt nicht nur für Füße. Das gilt für alles. Wer sein Herz mit einem Schutzpanzer einhüllt, wird nicht lieben. Wer seine Seele wegsperrt, lebt im Gefängnis. Wer sich nur noch absichert, riskiert nichts.
Ich sehe manchmal Menschen, die sich gegen alles absichern wollen. Gegen jeden Schmerz, jede Enttäuschung, jede Verletzung. Und ich frage mich: Was spüren die noch? Vielleicht ist diese Welt in den letzten Jahren genau deshalb so hart geworden, gegen sich selbst und gegen die Mitmenschen.
Der Prophet Jesaja schreibt: „Wie lieblich sind auf den Bergen die Füße des Freudenboten, der da Frieden verkündigt, Gutes predigt, Heil verkündigt“ (Jesaja 52,7). Paulus greift das auf und sagt: „Wie lieblich sind die Füße derer, die das Evangelium des Friedens verkündigen“ (Römer 10,15).
Da ist keine Rede von Schuhen. An diese Füße sind keine Soldatenstiefel geknotet, keine Gummistiefel umhüllen sie, keine Laufschuhe verleihen Ausdauer. Die Füße der Menschen, die eine gute Botschaft mitbringen sind verwundbar. Sie gehen über Berge, über Steine, durch raues Gelände, immer unterwegs zu anderen Menschen und ohne das Risiko zu scheuen.
Du trittst im Leben so oft auf kleine Legosteine und der Schmerz fährt dir durch die Glieder. Du wünschst dir Schuhe, aber da sind keine. Dann lässt der Schmerz nach und du siehst die, für die du in dieses Zimmer gegangen bist, zwei schlafende Menschen, die du liebst. Und der Stein ist gleich wieder vergessen. Du ziehst ihre Decke etwas höher und gibst ihnen einen Kuss. „Wie lieblich sind auf den Bergen die Füße des Freudenboten, der da Frieden verkündigt, Gutes predigt, Heil verkündigt“
Lieber verletzlich und lebendig als geschützt und taub. Lieber das Risiko eingehen, verletzt zu werden, als nichts mehr zu spüren. Lieber mit nackten Füßen durch die Welt gehen und merken: Ich bin hier. Ich stehe auf dieser Erde. Ich lebe.
Die Freudenboten gehen barfuß. Das ist das Risiko wahren Lebens.
