Wale in Oberneuland

Als die Walknochen nach Oberneuland kamen
Vor 300 Jahren begannen wohlhabende Bremer Bürger, Oberneuland als Sommersitz für sich zu entdecken. Wir verdanken ihnen unsere großartigen Parkanlagen, die nun fast allen Mitbürgern zugänglich sind.
In erster Linie waren es Kaufleute, die ihr Vermögen nicht nur dem Handel, sondern auch dem Walfang verdankten. Der erlebte seine Blütezeit vom 17. bis zum 19. Jahrhundert. Diese riesigen Tiere wurden nicht des Fleisches wegen getötet, die Jagd galt vielmehr dem begehrten Tran, der aus ihrem Speck gewonnen wurde. Und nur dieser Speck war es, der in die Heimathäfen zurückgebracht wurde. Tran war eine wichtige Handelsware. Wurde doch daraus Öl für die Lampen, Schmierfett für die sich entwickelnde Industrie, der Grundstoff für Seifen, Salben, Farben, Gelatine, Speisefette gewonnen. Als „Beiwerk“ brachte man auch die Barten mit nach Hause, die aus Horn bestehenden „Filter“ im Maul des Wals. Die hatte man zu Fischbein für Korsetts oder zu Knöpfen verarbeitet.

Die Jagd auf die Wale begann mit der Baienfischerei, dem Walfang in den Buchten des Nordmeers. Da versammelten sich die Tiere, um ihre Jungen zur Welt zu bringen. Die mit Harpunen getöteten Wale wurden an Land geschleppt. Dort auf den Inseln hatte man sie danach abgespeckt, geflenst, wie es damals hieß. Zu Anfang, von 1611 bis ca. 1640, wurde der Speck vor Ort ausgekocht und der Tran in Tonnen gefüllt. Die Reste der Tiere ließ man zurück. Bald reagierten die Wale auf die Bejagung durch Abwanderung in offene Gewässer. Die Walfänger mussten weiter hinaus auf See. Erst ab 1653 beteiligten sich Bremer Schiffe am Walfang. Auf den Inseln wurde nicht mehr gekocht. Bremen hatte eine Tranbrennerei nahe beim Stephaniviertel. Außerhalb der Stadtmauer, weil das eine stinkende Angelegenheit war.

Von all der Knochenarbeit draußen im Nordpolarmeer bekamen die heimischen Kaufleute und Reeder kaum etwas mit. So mancher Kapitän aber ließ es sich nicht nehmen, als Erinnerung an seine Fahrenszeit da oben, die riesigen Kieferknochen eines Wals mit an Bord zu nehmen. Er stellte sie einander gegenüber vor seinem Haus oder im Park auf. Das gefiel auch so manchem Reeder und Kaufmann, und so bestellten sie ebenfalls bei ihren Kapitänen ein solches Paar für ihr Grundstück. So kamen Walkiefer auch nach Bremen-Nord und nach Oberneuland.

„Knochenarbeit“, so treffend betitelt der Biologe Hans Christian Küchelmann seine Homepage im Internet. Er hat sich auf Archäozoologie spezialisiert und ist Mitarbeiter bei der Landesarchäologie Bremen. Akribisch sucht er nach Knochenresten von Walen in und um Bremen. Er stöbert durch alte Dokumentationen, freut sich über jeden Hinweis und geht selbst ins Gelände. Im März 2007 konnte er mit seinen Kollegen bei Erdarbeiten am Teerhof ein größeres Knochenstück retten. Gerade in Oberneuland wurde er fündig. „Weniger bekannt ist“, so schreibt Hans Christian Küchelmann, „dass Walkiefer auch für eine Vielzahl anderer Funktionen Verwendung fanden, z.B. als Scheuerpfähle für Rinder, als Bauelemente in Häusern und nicht selten als Wegebegrenzungen.“ Historisch belegt seien solche als Radabweiser oder Prellsteine benutzten Begrenzungspfähle auch in der Bremer Innenstadt. Oberneuland machte da keine Ausnahme. „Laut einem Reiseführer von L. Halenbeck (50 Ausflüge in die Umgegend von Bremen) aus dem Jahr 1893“, schreibt Hans Christian Küchelmann, „waren an der Oberneulander Landstraße auf 120 m Länge Stücke von Walkiefern als Prellsteine aufgestellt. Den Begleitumständen aus der Baugrube nach zu urteilen, wurden die Pfosten in den 1920er Jahren entsorgt. Ein letzter Pfosten dieser Reihe überlebte jedoch bis in die 1980er Jahre, bevor er einem Auto zum Opfer fiel.“ Harry Schwarzwälder und Pastor Ammann hatten ihn noch fotografiert. Einen kuriosen Weg nahm ein Walkiefersegment, das im Juni 1980 an der Oberneulander Landstraße 25 gefunden wurde. Den einzigen erhaltenen Rest des Fundes bekam ein Lehrer der Realschule in Hoya. Es befindet sich dort in deren Sammlung. Drei andere recht gut erhaltene Pfosten hat das Überseemuseum bekommen. Einer trägt die Jahreszahl 1769 und besitzt noch eine eiserne Abdeckung mit girlandenartig umbördeltem Rand, ein zweiter zeigt Nagelreste und Rostspuren. Die genaue Herkunft dieser drei Pfosten ist allerdings nicht bekannt.

„Überreste weiterer Leitpfosten wurden im Juli 2021 an der Oberneulander Landstraße ausgegraben“, weiß Hans Christian Küchelmann. „Beim Vorbereiten eines Baugrundstücks kamen in einem vertorften Altarm zahlreiche große Knochenfragmente zutage, die sich zu mindestens vier Pfosten von ca. 80 cm Länge rekonstruieren ließen.“ Ein bis drei dieser Pfosten werden in der Landesarchäologie restauriert und sollen der Oberneuland-Sammlung zur Verfügung gestellt werden.

Viele Oberneulander kennen die Walkiefer in Muhles Park beim Fritz-Meier-Weg. Aufgestellt seinerzeit wohl von Melchior Feldhusen. Sie stehen recht weit auseinander und sind daher als Gruppe schwierig zu fotografieren. Dort im Park gab es bis 1966 einen zweiten Torbogen. Einer der beiden Kiefer wurde zusammen mit einem weiteren Einzelstück 2009 ins Focke-Museum gebracht. Bei Letzterem handelt es sich um den Rest eines sehr schönen Torbogens, der Am Heiddamm (früher Högesweg) vor dem mächtigen Baum bei der Einmündung zur Rockwinkeler Heerstraße 68/70 stand. Ein weiterer Torbogen steht im nicht öffentlich zugänglichen Teil von Gut Hodenberg. Robert Rickmers war Reiskaufmann und ließ ihn dort aufstellen. Etwa 2006 stürzte einer der Kiefer um. Man muss natürlich berücksichtigen, dass wir es mit vergänglichen natürlichen Materialien zu tun haben. Nicht mit Versteinerungen. Ältere Oberneulander erinnern sich noch an Torbögen am Hohenkampsweg und an der Mühlenfeldstraße. Ein Walkiefer soll am Ikensdamm auf Holzklötzen gelagert haben. Vielleicht aus Unkenntnis wurde er von Mitarbeitern des Gartenbauamts geschreddert. Ganz von der Hand zu weisen ist diese Möglichkeit nicht, denn Justin Friedrich Wilhelm Iken war Reeder des Walfangschiffs „Clementine“.

Text: Eberhard Matzke und Hans Christian Küchelmann