Zuggedanken

Nachdenkliches von Pastor Thomas Ziaja

Ich sitze im Zug auf der Rückfahrt von Berlin. Um mich herum 50 Konfirmandinnen und Konfirmanden. Sie reden, lachen, erzählen von den letzten Tagen. Pläne für das nächste Treffen werden geschmiedet. Jemand zeigt Fotos von der Tour durchs Scheunenviertel auf den Spuren jüdischen Lebens in Berlin. Zwei diskutieren über das Konfirmationsoutfit. Ein Konfi spricht mich zwischendurch an und sucht Kontakt. Eine erzählt vom Gottesdienst am Morgen: „Bei uns ist der besser, aber die Kirche war voll schön. So alles mit blau.“
Junge Menschen kommen unter dem Dach der Kirche zusammen. Niemand hat sie gezwungen. Niemand muss sich konfirmieren lassen oder ein Jahr dafür investieren.
Vielleicht wären sich viele von ihnen sonst nie begegnet – außer in der Schule. Und dort müssen sie hin.
Ich schaue auf mein Tablet, während der Zug weiterfährt: „Die Kirche hat keine Zukunft“, lese ich in einem Artikel. In sozialen Medien wird öffentlich darüber diskutiert, ob Kirche noch funktioniert. Auch in den Nachrichten ist das Thema präsent. Überall Krise, überall Abgesang.
Am Fenster zieht die brandenburgische Landschaft vorbei und meine Gedanken gehen auf Fahrt. Da kommen die Beerdigungen hoch, bei denen ich Menschen begleitet habe. Es gab so intensive Gespräche und Menschen, die dankbar waren, dass sie nicht alleine sind. Ich sehe ihre Gesichter vor mir, wie sie nach dem Gottesdienst am Grab stehen und merken: Ich bin nicht allein. Meine Kirche ist da.
Ich sehe ständig, was diese Kirche tut. Sie tut es in diesem Zug zwischen Berlin und Hamburg. Sie tut es, wenn das Licht im Gemeindehaus spätabends noch scheint. Sie tut es an den Gräbern und den Gesprächen am Rande. Sie tut es in den Momenten, in denen Menschen merken: Hier bin ich richtig.
Ich frage mich, warum das so wenig gesehen wird. Vielleicht, weil Zahlen leichter zu greifen sind als Erfahrungen. Ob manche nur auf sich selbst schauen und deshalb nicht sehen, was hier passiert? Vielleicht, weil beides gleichzeitig wahr ist: die Krise und diese Lebendigkeit.
In diesem Zug jedenfalls ist die Kirche lebendig. Aber das sieht man nicht unbedingt in Statistiken oder Austrittszahlen. Man sieht es, wenn man hier sitzt. Mittendrin.
Nicht die großen Aktionen, die alle im Stadtteil mitbekommen, machen die Kirche aus. Es sind die Momente, in denen Menschen merken, da ist mehr, ein Glaube, der uns verbindet.
Nach seiner Auferstehung trifft Jesus seine Jüngerinnen und Jünger und sagt zu ihnen: „Ich bin bei euch alle Tage bis an das Ende der Welt“ (Matthäus 28,20). Die größte Angst der Jüngerinnen und Jünger war, alleine zu sein. Darum sagen wir bei jeder Taufe diese Worte, weil es keinen Moment gibt, in dem du im Stich gelassen wirst. Wer das seit seiner Taufe mit sich herumträgt, der kann den Mut für seine Kirche nicht sinken lassen.
Ich sitze im Zug und höre das Lachen. Ich sehe die müden Gesichter, die trotzdem strahlen. Ich höre die Gespräche über Berlin, über Gott, über das Leben. Und ich denke: Das hier ist Kirche mitten in dieser Welt. Ich habe keine Angst um sie, solange das ihre Wirklichkeit ist.
Die Krise ist real. Die Zahlen sind schlecht. Die Austritte tun weh, jeder einzelne. Aber das hier ist auch real. Dieser Zug mit 50 jungen Menschen. Diese Gemeinde, die sich um Menschen sorgt. Und Jesus, der mit uns reist.
Kirche hat Zukunft im Zug zwischen Berlin und Hamburg.