Aus LEGO wird Kunst
Wenn aus Leidenschaft Porträts entstehen
In einem rund 14 Quadratmeter großen Zimmer im Souterrain, umgeben von einer halben Million Legosteinen, entsteht in Oberneuland große Kunst. Elias Neukirchen lässt LEGO vergessen und Gesichter entstehen.
Schuld ist ein Schulprojekt, für das Elias, Kunst- und Technik-Lehrer an einer Bremer Oberschule, rund acht Umzugskartons Lego-Technic besorgt hat. „Dort entdeckte ich die LEGO-Wedge-Plates“, sagt der 50-Jährige, flache „Keilabsatz“-LEGO-Steine. Und irgendwie haben die seine Kreativität beflügelt.
Kaum spricht Elias über LEGO, beginnen seine Augen zu leuchten. Wahrscheinlich könnte eine Aura-Kamera um ihn herum lodernde Flammen der Leidenschaft festhalten. Seine Energie ist ansteckend. „Das ist meine Kunst“, sagt er. Eine Kunst, die er für sich entdeckt hat und die mittlerweile ihrerseits entdeckt wurde. Sogar das in der LEGO-Kunstszene bekannte BRICKA-Magazin aus Boston ist auf ihn aufmerksam geworden.
LEGO sei für ihn schon immer ein Element der Kreativität gewesen. Als Kunstlehrer kann er mit Farbe, Perspektive und Ästhetik umgehen, aber die Porträts, die er mit bis zu 17.000 Steinen erschafft, folgen einem ganz anderen Rhythmus. „Ich muss von der obersten Schicht nach unten denken, bei einem Gemälde fängt man mit der Grundierung an und arbeitet weitere Flächen darauf, um Formen entstehen zu lassen“, erklärt er.
Seine Steine sind so sortiert, dass er mittlerweile blind reingreifen kann. Den Blick auf die Vorlage gerichtet, greift er mechanisch in die kleinen Kisten und setzt sicher Stein für Stein auf die Basisplatten, egal ob weiß oder schwarz. Er weiß, welche eine glatte Oberfläche haben dürfen, welche sich mit der nächsten Schicht verbinden müssen. „Für mich ist das wie Meditation, es ist ein ganz tiefer Prozess mit viel Herzblut.“
Elias Neukichen hat eine Technik entwickelt, die bis dato weltweit einzigartig ist. Unter seinen Händen entstehen Kunstwerke, die an moderne Lithographien erinnern, fast einen Pinselstrich vermuten lassen und das Material erst auf den zweiten Blick verraten. Eine Technik, die nach mehr Raum schreit. „Mein Traum ist es, noch großformatiger zu arbeiten“, gibt er zu. Dann würde es noch detaillierter.
Wenn er auf seine Entwicklung blickt, nimmt er die Anfänge, seine ersten Bilder, kritisch, aber liebevoll ins Visier. „Anfangs habe ich nur in zwei Ebenen gearbeitet, mittlerweile sind es vier“, erklärt Elias Neukirchen. Seine Motive sind sowohl Privatmenschen als auch bekannte Fußballer und Filmfiguren. Als Fußballfan widmete er sich Charakterköpfen der Szene. Der berühmte Dreitage-Bart von Neu-Bundestrainer Jürgen Klopp sei eine Herausforderung gewesen. Es sind die selbstgestellten Aufgaben, die seine Kreativität und seinen Ehrgeiz kitzeln.
Seine Herangehensweise ist immer ähnlich. Er sucht sich ein Porträt aus oder bekommt einen Auftrag. „Ich möchte, dass mich mein Bild anschaut. Deswegen Porträts.“ Bearbeitet es in schwarz/weiß, druckt es aus und hängt es neben seine Staffelei. Wie viele Steine er benötigen wird, ist in diesem Moment noch nicht ganz klar. „Erfahrungswerte habe ich mittlerweile gesammelt, je nach Motiv verbrauche ich zwischen Sechstausend und Siebzehntausend“, erklärt der Künstler. Die groben Umrisse skizziert er auf den Basisplatten – seiner Leinwand – und sucht sich einen Ausgangspunkt. „Von dort aus baue ich das Bild auf.“ Trial an Error gehören bei jedem Bild dazu. Ja, es sei auch vorgekommen, dass er ein ganzes Werk aufgelöst habe und an bereits fertiggestellten kann etwas zugefügt werden. Jedes Bild ist ein Prozess. Die Rahmen baut der Lehrer selbstverständlich selbst, immer aus hellem Holz.
„Je nach Aufwand benötige ich rund 60 bis 120 Stunden“, erklärt der LEGO-Künstler. Diese Stunden sind Ausdruck seiner Freiheit, seiner Meditation und seiner Fokussierung. In diesen Stunden ist er ganz bei sich selbst, im Dialog mit seinem Werk. Er ist fest davon überzeugt, dass LEGO ein Transport- und Kommunikationsmittel zwischen Betrachter und Künstler ist. „Fast jeder hat in seiner Kindheit mit den Steinen eigene Welten erschaffen, seine Kreativität ausgelebt, hat gebaut und verworfen, ist gescheitert und war erfolgreich“, ist seine Meinung. Schon fast schade, dass man irgendwann nicht mehr ungezwungen in die LEGO-Kiste greift. Aber vielleicht schärft das Wissen darum den Zugang zu den Werken von Elias Neukichen. Er ist jedenfalls froh, dass ihn ein Schulprojekt mit seiner Kreativität zusammengebracht hat.
Kontakt für Anfragen und individuelle Aufträge: elias@brkx.art
Text: Antje Scheinert, Foto: privat
