Wenn der Schornstein wächst …

Hajos Wildbienenkalender

Der Naturgarten im Sommer: Überall blüht es, jede Ecke duftet anders und rund um einen herum krabbelt, summt und brummt es. Mittendrin kann man sich einfach nur entspannen. Oder man fängt an, das „wilde“ Leben zu beobachten. So viel kann ich schon vorwegnehmen: Dann ist es mit der Entspannung oft schnell vorbei, es wird spannend!

Moin zusammen! Also, dass ich als Landwirt mich einmal für den Bau von Schornsteinen interessiere, für Bauformen, Material, Nutzung und Stabilität, dass hätte ich vor wenigen Jahren auch nicht erwartet. Das fing mit genau so einer Beobachtung an, aber dazu später mehr.
Wie bei mir auf dem Acker kann man auch im Garten mit einer natürlichen Gestaltung nicht nur bedrohte Arten füttern, man bietet ihnen ganze (Über-)Lebensräume. Kleine Bereiche reichen dafür oft schon, man muss nicht gleich alles aufwändig umgestalten. Mein Tipp: Fangt erst einmal mit Kleinigkeiten an und beobachtet, was mit der Zeit dort passiert. Mit heimischen Pflanzen und guten Nistmöglichkeiten tauchen auf einmal Insektenarten bei euch auf, die bisher vielleicht vergeblich nach einer schönen Heimat gesucht haben. Und die sind – versprochen! – harmlos und überhaupt nicht lästig. Sie helfen euch sogar, für uns Menschen unerwünschte Besucher wie Blattläuse oder Mücken zu reduzieren.
Das ganz wichtige Totholz hatte ich im vorletzten Beitrag schon angesprochen. Wer möchte, kann die Beiträge auch alle online auf der Website des Oberneuland Magazins nachlesen.
Meine Herzensangelegenheit sind ja die Wildbienen und unter den vielen verschiedenen Arten vor allem die selten gewordenen. Die, deren Bestände immer weniger werden, die vom Aussterben bedroht sind. Die meisten von denen nisten gar nicht im Totholz, sie brauchen für den Wohnungsbau das „Kellergeschoss“. Im Boden werden Gänge gegraben und am Ende Nisthöhlen angelegt. Aus hier gelegten Eiern schlüpft im nächsten Jahr der Nachwuchs. In einem der nächsten Beiträge zeige ich euch, wie man eine durchaus dekorative und funktionierende Sandnistfläche im Garten anlegt und so wertvolle Lebensräume schafft.
Jetzt wird es speziell, wir kommen zu unserer „Wildbiene des Monats“, die gar keine Wildbiene ist, sondern eine Wespe. Aber was für eine …!
Vor vier Jahren hat der Wildbienen- und Wespenexperte Rolf Witt, der mein Artenschutzprojekt fachlich begleitet, bei uns auf dem Hof eine spannende Entdeckung gemacht. Er hat eine selten gewordene Wespe gefunden, die hier in der Region vor Jahrzehnten das letzte Mal nachgewiesen wurde. Zur Erklärung: Auch bei den Wespen gibt es tausende verschiedene Arten, die den allseits bekannten nur ansatzweise ähneln und keinerlei Interesse an unserem Apfelkuchen oder Steak haben.
Er fand die gelbe Schornsteinwespe (Odynerus reniformis). Und konnte, so mein Gefühl, vor Freude und Aufregung die ganze Nacht nicht schlafen. Er hat mir dann die Bedeutung des Fundes erklärt, daraufhin konnte ich die folgende Nacht kaum schlafen …
Die gelbe Schornsteinwespe ist sehr selten geworden. Ab dem Moment war mein erklärtes Ziel, ihr auf meinem Hof alles zu bieten, was sie zum Überleben braucht. Das ist gar nicht so viel, man muss es nur wissen. Im Gegensatz zu den Wildbienen sind die Wespen keine Vegetarier, sie ernähren ihren Nachwuchs mit anderen gefangenen Kleintieren wie Spinnen, Insekten oder oft deren Larven. Die gelbe Schornsteinwespe hat sich ganz auf Rüsselkäferlarven des Luzerneblattnagers spezialisiert. Für dessen Vorkommen sorgt unsere regionale Blühpflanzenmischung auf den Artenschutzflächen. Noch außergewöhnlicher ist der begehrte Wohnraum. Die Wespe lebt solitär, also allein und nicht in einem Staat. Sie baut die Nisthöhle selbst und sorgt auch allein für den Larvenproviant in den Nistkammern. Für den Nestbau nutzt sie Lehmsteilwände, wie sie hier kaum noch vorkommen. Als Nesteingang baut sie einen gebogenen „Schornstein“ aus Lehmklumpen vor das eigentliche Loch im Lehm. So ist die Schornsteinwespe zu ihrem Namen gekommen.
Um die Sache noch etwas komplizierter zu machen: Neben der gelben gibt es auch noch die gemeine Schornsteinwespe als Schwesternart, diese kommt noch häufiger vor. Die gelbe hat ein Paar gelbe Flecken mehr. Wenn man weiß, wo man suchen muss, kann man sie gut daran unterscheiden.
Ich habe also als Nisthilfe verschiedene Lehmblöcke gebaut, die nun auf dem Hof und auf den Blühflächen das Wohnraumangebot erweitern. Nach zwei Jahren hat es dann geklappt. An immer mehr Lehmblöcken entstehen jetzt im Juni die kleinen Schornsteine und mehrmals konnte ich auch schon die gelbe Schornsteinwespe als Bauherrin nachweisen. Richtig beeindruckend ist es, die kleinen Tiere beim Bau ihrer filigranen Wohnungseingänge zu beobachten. Mit viel Glück klappt das auch an den Lehmkästen direkt an unserem Wildbienenpfad am Hof. Ich hätte nie gedacht, dass einen Schornsteine so glücklich machen können! Text und Foto: Hajo Kaemena