Der Garten eben

Von Winfried Hammelmann, Oberneulander, Redakteur und Autor

Etwas Schöneres als einen wunderbaren Garten mit Gartengeräten kann man sich doch kaum vorstellen, also abgesehen von Fußball gucken, Liebe machen, Autos, Essen und Trinken, Musik hören, Musik machen, Konzerte besuchen, Bücher lesen und Comics sammeln oder Bücher sammeln und Comics lesen und im Café Kaffee trinken. Aber dann kommt auch schon die Schönheit eines Gartens. Das fiel mir auf, weil ich seit der Wirtschaftskrise 2007/2008 nichts mehr im Garten getan habe.

Also gut, meine Untätigkeit im eigenen Grün hat natürlich nichts mit der Wirtschaftskrise 2007/2008 zu tun, aber es klingt doch irgendwie bedeutungsvoller – finden Sie nicht?

Ich habe mir also fest vorgenommen, wenigstens das Nötigste zu tun, immer wieder: 2010, 2012, 2015 und 2018. Ich erinnere mich noch genau daran. Jedes Mal entschied ich mich dafür, etwas anderes zu tun (s. oben). Aber dann endlich ergriff ich die Initiative. Es kommt mir vor, als wäre es gestern gewesen. Es war aber schon letzte Woche.

Ich untersuchte den Ga.G.A., den Gartengerätabstellraum. Ich blickte in die toten Augen einiger Gartengeräte und mir wurde schlagartig klar, dass ich von der Gartenarbeit ungefähr so weit entfernt war, wie die Wüste Gabi, äh, Gobi, von den kanadischen Inseln, äh, kanarischen. Die fehlende Nähe zu dem Wildwuchs hinter unserem Haus wurde mir bewusst, weil
a) vermutlich niemand außer mir seinen Garten-geräteabstellraum Ga.G.A. nennen würde,
b) Hobbygärtner ihr angelegtes Grün mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit nicht Wildwuchs nennen,
c) Gartengeräte – und seien sie noch so verrostet – vermutlich so gut wie nie Augen haben und demzufolge auch keine toten Augen,
d) ich von manchen Teilen, die da im Ga.G.A. standen, lagen und hingen, nicht einmal
wusste, wie sie heißen.

Nun hatte ich mehr Zeit als sonst. Und alles, was mehr Spaß macht, als zu gärtnern (s. oben), hatte ich ENTWEDER unverhältnismäßig oft gemacht ODER es war aufgrund der aktuellen Situation nicht möglich es zu tun. Welche der Freizeitbeschäftigungen und Interessen (s. oben) dem ENTWEDER und welche dem ODER zuzuschreiben sind, das verrate ich an dieser Stelle nicht.

Jedenfalls: Die Gartengeräte guckten mich an. Warum sagt man das eigentlich, wo sie doch keine Augen haben? Egal. Ich glotzte zurück. Lange. Sehr lange. Aber dann gab ich nach. Ich schnappte mir das erstbeste Teil und balancierte es auf meinem linken Zeigefinger. Es war eine Harke. Während ich das Gerät hochhielt, fragte ich mich Folgendes: Wenn man den Garten mit der Harke geharkt hat, welches Gerät benutzt man anschließend? Ich wollte bei einem Eigenbaumarkt, äh, Selbstbaumarkt nachhaken. Das musste ich aber gar nicht, denn ich hatte mir soeben die Antwort geliefert: Nachdem man mit der Harke geharkt hat, benutzt man zum Nachharken die Nachharke. Ist doch klar.

Ich suchte Arbeitshandschuhe und fand drei Stück. Super. Drei poröse, löchrige Handschuhe sind perfekt zum Jonglieren. Sie lagen gut in der Hand. Ich schaffte es im vierten Anlauf tatsächlich einmal, zwei Minuten am Stück mit den drei alten Fünffingerlederlappen zu jonglieren.

Dann guckte ich mich weiter um im Gartengeräteabstellraum und entdeckte einen Vorschlaghammer, den man vermutlich auch als Nachschlaghammer benutzen konnte. Dahinter lag kein Sixpack Bier, sondern ein Eightpack Bocciakugeln.

Wun-der-bar!

Ich spielte im Garten mit den bunten Kugeln und dem rostigen Riesenhammer eine Art Idiotenminigolf. Dabei galt es, mit möglichst wenigen Schlägen eine Kugel zwischen zwei Blumen rollen oder fliegen zu lassen … oder zwischen zwei Bäumen oder zwischen zwei Steinen. Selbstverständlich brauchte ich einen Gegner und so spielte ich (mit der roten Kugel) gegen mich selbst (mit der grünen Kugel). Ich gewann.

Dann hielt ich inne. In meinem Hirn formte sich, wie eine im Zeitraffer aufblühende rote Rose, ein Gedanke: Noch nie hatte ich in unserem Garten stehend und gehend sooooo viel Zeit verbracht.

Meine Frau gesellte sich zu mir und guckte mich an. Ihr Gesichtsausdruck sprach Bände. Hier die Kurzversion: Hast Du noch alle Latten am Zaum?

Ihr nächster Gesichtsausdruck sprach ebenfalls Bände. Die Kurzversion: Kann ich mitspielen?

Wie atmeten den Geruch des Rasens ein, den Geruch der Pollen, der Erde, der Luft, des Frühlings. Und danach gingen wir erneut in den Raum, den meine Frau nicht Ga.G.A. nannte, sondern Schuppen. Nicht lange, und die Olympischen Oberneulander Gartenspiele 2020 (OOG2020) konnten beginnen. Und sie begannen. Nachdem wir die bereits bekannten Disziplinen Harkenbalancieren, Handschuhjonglieren und Idiotenminigolf durchgespielt hatten, folgten Schlauchmikado (dafür braucht man viele etwa 50 Zentimeter lange Abschnitte eines alten Gartenschlauchs), Eimerzielwerfen (dafür benötigt man einen Eimer und ein Ziel), Rechenschieben (dafür braucht man einen Rechen, einen Zollstock und ein Stück Baum) und Wasserwerfen (dafür benötigt man zwei Wasserwerfer).

Die Zeit verging wie im Pflug, äh, Flug.

Nach diesem grandiosen Gartenerlebnis war unsere Erkenntnis: Etwas Schöneres als Fußball gucken, Liebe machen, Autos, Essen und Trinken, Musik hören, Musik machen, Konzerte besuchen, Bücher lesen und Comics sammeln oder Bücher sammeln und Comics lesen und im Café Kaffee trinken, kann man sich doch kaum vorstellen, also abgesehen von einem wunderbaren Garten mit Gartengeräten

Wir waren euphorisiert und fühlten uns … nun, wie im Garten eben.