Sommergeschmack aus Oberneuland

Echt saisonal – echt regional!

Die Erdbeerzeit beginnt auf den Oberneulander Feldern von Hof Kaemena Ende Mai. Die Zeit für Selbstpflücker folgt im Juni…

Aus fast 1.000 Erdbeersorten wählte Hajo Kaemena fünf für den Anbau auf seinen Oberneulander Erdbeerfeldern aus. Alle sind empfindlich, echte Weicheier, dafür aber voll mit süßem, aromatischem Erdbeergeschmack. Der war auch das wichtigste Kriterium, das Kaemena bei seiner Sortenwahl anlegte. Mit Fragaria Polka, F. Korona, F. Allegro, F. Glorielle und F. Malwina wachsen auf den Oberneulander Erdbeerfeldern Sorten, die richtig nach Erdbeeren schmecken. Mitte Juli reift mit Korona die beste Sorte, so der Geheimtipp des Landwirts.
Auf den warmen März reagierten die Erdbeeren in diesem Jahr mit frühem Austrieb. Durch den Kälteeinbruch im April aber gab es dann doch noch ein paar Frostschäden. Bei günstigen Wetterbedingungen geht die Ernte bis in den August.

Echt saisonal und regional

Obwohl die Kunden immer früher Erdbeeren aus Oberneuland nachfragen, gibt es auf Hof Kaemena keinen „industriellen“ Anbau unter Folientunneln, in denen auf mit Torf angereichertem Substrat kultiviert, computergesteuert bewässert und gedüngt wird. Kaemenas Erdbeeren wachsen nach wie vor im Takt der Natur. Daher sind sie nicht nur echt regional, sondern vor allem echt saisonal.
Aus tiefster Überzeugung hat sich der einzige Bremer Erdbeer- und Spargelanbauer gegen eine Landwirtschaft in Foliengewächshäusern entschieden. „Folienmanagement ist nicht nachhaltig“, betont er vehement. Eigentlich bedürfe die Landwirtschaft bei echtem Bekenntnis zu saisonaler Ernährung gar keiner Folien. Die Verfrühung, für die Unmengen von Plastikfolien gebraucht werden, sei einzig auf den Wunsch der Kunden zurückzuführen. Außerdem entspräche der Anbau unter Folie eigentlich gar nicht dem Bild der Verbraucher von Erdbeer-ernte auf dem Bauernhof.
Hajo und Bea Kaemenas Anliegen ist es daher, Kunden mitzuteilen, dass das Naturprodukt Erdbeere mal sauer, mal süß, mal groß oder klein sein kann. Grund hierfür ist, dass Früchte nicht genormt und optimiert, sondern mit der Natur wachsen. Das fehlende Verständnis und Wissen um die Abläufe in der Natur sei dafür verantwortlich, dass schon sehr früh im Jahr, wenn lange noch keine Erdbeerzeit ist, nach reifen Erdbeeren gefragt wird, so der Oberneulander Landwirt von Sonderkulturen.
Die aromatischsten Erdbeeren, informierte die Süddeutsche Zeitung, stammen aus hiesigen Freilandkulturen. Deren 900 Aromastoffe entwickeln sich am besten bei direkter Sonneneinstrahlung, Wind, Regen und der Bestäubung durch Wildbienen. Seit vielen Jahren legt daher Hajo Kaemena Blühstreifen für Bienen und Hummeln an und schafft im Rahmen seines „Blühpatenprojekts“, das unter der Schirmherrschaft von Bürgerschaftspräsident Frank Imhoff steht, auf seinen landwirtschaftlichen Flächen Lebensraum für bedrohte Wildbienenarten. Laut einer Untersuchung der schwedischen Universität Lund weisen bienen-bestäubte Erdbeeren weniger Verformungen auf, haben ein höheres Gewicht, eine intensivere rote Farbe und überzeugen durch eine bessere Qualität mit längerer Lagerfähigkeit und einem anderen Zucker-Säure-Verhältnis. Bienen bringen Pollen aktiv auf die Blüte und verteilen diesen zusammen mit einem bereits vorhandenen Pollen, der durch den Wind herangetragen wurde oder auch von der gleichen Blüte stammt. Für Hajo Kaemena ist das Grund genug, sein Wildbienenprojekt weiter voranzutreiben und wissenschaftlich von dem Experten Rolf Witt begleiten zu lassen.
Um am Markt wettbewerbsfähig bleiben zu können, kann aber auch Hof Kaemena nicht komplett auf Folien verzichten. Die von ihnen verwendeten Vliese dienen dem Schutz vor Nachtfrösten.

Nachhaltigkeit ist eine Haltung

Nachhaltigkeit ist für Bea und Hajo Kaemena ein brennendes Thema. Für sie sind Erdbeeren mit einer kleinen Stelle oder nicht ganz makellose Früchte qualitativ nicht schlecht, sondern genauso lecker wie die anderen roten Früchtchen. Aus diesem Grund gibt es an den Verkaufsständen täglich „Erdbeeren von gestern“ zu einem reduzierten Preis. Denn das Wegschmeißen und die Verschwendung von Lebensmitteln ist ihre Sache nicht. Statt großzügig das Blattkraut der Erdbeere mit dem Messer abzuschneiden, rät Landfrau Bea Kaemena dazu, das Grün mit den Fingern vorsichtig abzudrehen. So bleibt mehr Frucht zum Genießen übrig. Weiterer Tipp ist, regionale, in der Saison gereifte Früchte einzufrieren und einzukochen, um im Winter nicht auf Obst zurückgreifen zu müssen, das viele Tausend Kilometer zurückgelegt hat.

Landwirtschaft ist Leidenschaft

Seine Arbeit als Landwirt mache ihm wirklich Spaß, sagt Hajo Kaemena, gibt aber auch zu, dass er anderweitig einfacher und mit weniger Stress und Risiko sein Geld verdienen könne. „Das muss man wollen“, sagt der Oberneulander. Bea brauchte eine Weile, um zu lernen, dass es auf Hof Kaemena durch den Publikumsverkehr, aber auch durch das Zusammenleben mit den Saisonkräften keine klare Trennung von Privat und Betrieb gibt. Als Landfrau ist sie nicht nur die Seele des Betriebs, sondern packt jederzeit und überall dort mit an, wo sie gebraucht wird.
Für Hajo Kaemena stellte sich nie die Frage, etwas anderes als Landwirtschaft zu machen. Bei ihren Kindern aber haben sie jedes Verständnis, wenn die den Betrieb nicht weiterführen möchten. Landwirte zählen nicht jede Stunde, man könne aber nicht voraussetzen, dass die nächste Generation auch so leben möchte, ist die Einstellung von Hajo und Bea Kaemena.

Erdbeerpflücken als Event

Auch am Rand des Erdbeerfelds für Selbstpflücker tut sich in diesem Jahr wieder eine Menge. Für den Kinderspielplatz, der wie die Erdbeerfelder aus dem Winterschlaf geweckt wurde, haben Bea und Hajo Kaemena etliche neue Kettcars und neues Sandspielzeug gekauft.
Das Selbstpflücken hat sich mittlerweile zum Event entwickelt. Manche Besucher bringen Picknickkörbe mit, dagegen haben Kaemenas nichts einzuwenden. Allerdings bitten sie darum, den dabei anfallenden Müll oder gebrauchte Windeln wieder mit nach Hause zu nehmen.
Zu ihrem alljährlichen Erdbeerevent haben Bea Kaemena und Karo Lucht in diesem Jahr die Kinder vom SOS-Kinderdorf Worpswede und des Hermann-Hildebrand-Kinderheims eingeladen, um mit ihnen die süßen Früchte zu pflücken und im Anschluss daraus Marmelade zu kochen.
Da in diesem Jahr während der Hochsaison Dreharbeiten für eine Folge der vierteiligen Serie „Wie lecker ist das denn?! – So kocht der Norden“ stattfinden, wird die traditionelle Feldführung aller Wahrscheinlichkeit nach ausfallen. Aktuelle Änderungen sind auf Facebook zu lesen.
Auf www.hof-kaemena.de sind alle Standorte der Kaemena-Verkaufsstände zu finden.

Zwischen den Reihen

Zwischen den Erdbeerreihen brüten auch in diesem Jahr wieder halbzahme Enten ihre Eier aus. Seit einigen Jahren zieht Bea Kaemena im Frühjahr mutterlose Küken aus dem Tierheim unter der Wärmelampe im Stall groß. Wenn sie kräftig genug sind, werden sie ausgewildert. Mittlerweile hat sich so eine kleine „Crew“ von halbzahmen Enten gebildet.

Text und Foto: Sabine von der Decken